TanZzeit Part IV – Die Choreografien im Überblick

Liebes Publikum, 

bei TanZzeit Part IV zeigen sechs Choreograf_innen aktuelle Arbeiten, die sich mit der Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers, unseren Wünschen ans Leben und mit unserer Identität beschäftigen.

 

The waters and the bubbles too | Giovanni Visone



Wir haben doch alle eine Vorstellung im Kopf, wie perfekt das Leben sein könnte, wenn immer alles wäre wie in einem schönen Traum. Leider merken wir jedes Mal, wenn wir unsere Augen öffnen, dass wir nicht immer alles in unserer Hand haben und nicht alles kontrollieren können. Die Realität ist oft weit von unseren Träumen entfernt. Das einzige, das wir dagegen tun können, ist zu akzeptieren, was das Leben bringt.

Eine Produktion von Giovanni Visone | Choreografie: Giovanni Visone | Tanz: Sandra Bourdais, Chiara Pareo, Maurus Gauthier, Louis Steinmetz | Musik: Bulgarian Chicks, Van Pelt

(Fotografin: Michèle Stéphanie Seydoux)

 

Boys Don‘t Cry | Yotam Peled

Stelle ich mir vor, mich nie wieder zu bewegen, fühle ich die Angst, die über mir einbrechen würde. Dieses Gefühl durchfließt mich – ich fürchte mich vor der Einsamkeit, der Impotenz und vor dem salzigen Geschmack der Tränen, die meinen Hals hinablaufen. Um mich vor dieser Angst zu schützen, höre ich niemals auf mich zu bewegen. Ich laufe von einer Party zur nächsten und von einem Mann zum anderen, um keinen Freiraum zuzulassen, der mich die dann vorhandene Leere spüren lassen würde. Die Solo-Performance „Boys Don‘t Cry“ befasst sich mit alten und neuen Vorstellungen von Männlichkeit. Sie inszeniert eine Reise durch männliche Erinnerungswelten, bei der das Publikum Zeuge einer Metamorphose von Männlichkeit wird, die schließlich sogar in Katharsis endet. Sie beschreibt einen seltenen Moment unbegrenzter Freiheit und Befreiung, die auf die Entscheidung folgt, das Gewicht gesellschaftlicher Erwartungen mit anderen zu teilen.

Eine Produktion von Yotam Peled |Choreografie und Performance: Yotam Peled | Musik: øjeRum, Radioslave, People Skills

(Fotograf: Richard Beukelaar)

 

Melindrosa | Verónica Segovia Torres

Das Stück war eine Idee, die mir während der Corona-Zeit in den Sinn kam. Da ich das Gefühl hatte, dass der Tod uns in einer sehr gegenwärtigen Weise ständig umgibt, wollte ich dieses Stück all den Leben widmen, die in dieser Zeit verloren gegangen sind. In Melindrosa wollte ich die Idee darstellen, dass der Tod einen besonderen Platz in unserem Leben einnimmt. Der Tod neigt dazu, an unserer Seite zu gehen, unsichtbar für uns, nur bis er uns eines Tages fortführt. Die jungen Tänzerinnen repräsentieren für mich die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des menschlichen Körpers, sie kämpfen, widerstehen, genießen und leiden, bis es Zeit ist zu gehen. „Melindrosa“ ist eine Musik, die in meinem Heimatland oft bei Beerdigungen verwendet wird. Übersetzt bedeutet es „Der Gesang der Vögel“. Die Vögel feiern die Geburt Jesu und die Hoffnung, die damit einhergeht. Aus dem Chaos entsteht etwas Neues und etwas voller Leben.

Eine Produktion von Verónica Segovia Torres | Choreografie und Kostüm: Verónica Segovia Torres | Tanz: Nikita Zdrakovich, Adria-Vilar Alguero, Veronica Segovia Torres (Zweit-Besetzung: Rosario Guerra) | Musik: Paul Casals (Birds Song) | Cellist: Killian Froehlich

(Fotografin: Michèle Stéphanie Seydoux)

 

baby on fire | Tillmann Buala Becker 

baby on fire oder die Unfähigkeit zu lieben“
Zwei Pole – und dazwischen elektrisierte Luft. Anziehung und Ablehnung, Glück und Verzweiflung, Schmetterlingsgefühle und Gewalt. Ein Liebespaar – ein Hasspaar? Eine Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Es geht um Macht und Abhängigkeit und um die Frage, wer beherrscht wen. Tillmann Becker untersucht in seiner Choreografie das Gefühl des Berührt-Werdens. Wird das Feuer der Leidenschaft und der intensiven Anziehung spürbar, auch wenn Tänzerin und Tänzer fast die ganze Zeit auf Abstand bleiben? Doch Liebe wird zur Verzweiflung. Und Verlangen zu Demütigung. Über allem schwebt die Frage: Wer bin ich mit dir? Oder gibt es das Ich nur durch ein Wir? Was ist, wenn die gegenseitige Abhängigkeit die Möglichkeit eröffnet, sich selbst zu finden und gleichzeitig „Ich“ zu werden?

Eine Produktion von Tillmann Becker | Choreografie: Tillmann Becker | Tanz: Alice Gaspari, Yuya Fujinami | Musik: Carl Off, Nigel Kennedy, Beautiful Colors

(Fotograf: Tillmann Becker)

 

essence | Fabian Cohn

Das Kurzstück destilliert auf subtile  Weise eine Essenz aus Leben und Lebendigkeit. Für das Bewegungsmaterial recherchierte Fabian Cohn in enger Zusammenarbeit mit Joshua Haines zu Möglichkeiten der Übertragung von organischen Prozessen in getanzte Bewegung. So werden beispielsweise Dimensionen von Wachstum, Strömen, Pulsieren oder Zerfall in eine minimalistische und zugleich hochintensive Bewegungssprache übertragen, die dem Tänzer ein äußerstes Maß an Konzentration und „Verkörperung“ abverlangen. „essence“ ist eine Suche nach Poesie in Bewegung und zugleich der Versuch, eine neue Perspektive auf Schönheit und Fragilität von Lebendigkeit zu eröffnen.

Eine Produktion der YET Company | Choreografie: Fabian Cohn | Tanz: Joshua Haines | Musik: Christian Grothe

(Foto: stemutz photo)

 

Betweenness | Michèle Stéphanie Seydoux

Das Stück ist aus der Situation der letzten Monate heraus entstanden. Plötzlich war es nicht mehr möglich sich physisch zu treffen, sich zu berühren. Man war allein und doch nicht allein. Man war wie in einer unbekannten Zone und musste sehen, wie man mit der Situation umgehen konnte. Ist uns bewusster geworden was wir schätzen, brauchen, benötigen oder wünschen? Was wirklich zählt…. In dieser Art Zwischenraum wo die inneren und äußeren Geräusche abklingen und wir selbst mehr nach innen spüren, finden wir mehr zu unserem wirklichen Kern und Rhythmus zurück. Wir nehmen das Leben, was wir sind, wahr – ein Leben, das uns beseelt. In Momenten frei von Verlangen, ohne Bemühen, sondern rein zufällig, finden wir zum Einklang mit uns selbst, Einklang mit unserer Existenz. Wir können es nicht begreifen, aber fühlen.

Eine Produktion von Michèle Stéphanie Seydoux | Choreografie: Michèle Stéphanie Seydoux | Tanz: Davide Soni, Michèle Stéphanie Seydoux

(Fotografin: Heike Mischewsky)

 

Weitere Informationen zu TanZzeit Part IV finden Sie HIER

 

(Beitragsbild: Michèle Stéphanie Seydoux)