#13 Brecht, Bäcker, Schinkenbrot

Ich sitze beim Bäcker und denke über das Leben nach. Das mache ich manchmal, ich kann mir das leisten, ab und zu mal ein Stück Kuchen und einen Latte Macchiato, Pausen sind wichtig, was lebe ich doch in einer geilen Welt. Im Radio läuft FFN, Menschen kommen herein und kaufen sechs Quarkbällchen zum Mitnehmen, oder einen Heidesandkeks zum Hieressen, sie sagen Guten Tag und Auf Wiedersehen und mit dem Schließen der Tür sperren sie das böse Draußen aus. Durch die sichere Scheibe gucken wir auf das bunte Treiben, die vielen Autos, die paar Fahrräder, der Lärm, all das gucke ich mir ganz in Ruhe an. Hier, bei uns, im Bäcker ist die Welt noch in Ordnung. Hier kann ich ganz unbeobachtet ein Schinkenbrötchen essen, (obwohl ich mich doch eigentlich vegan ernähre), hier kann ich so tun, als ob, als wüsste ich von nichts, als wäre alles spitzispatzi, als wäre alles tiptop ok. Schlürf, schlürf, Latte Macchiato, ohja.

Ich hatte mal eine Mitbewohnerin, die hatte ein sehr großes Brecht-Poster in ihrem Zimmer. Din A 0, oder größer. Das hab ich nie kapiert, Brecht als Superstar. Überhaupt kapiere ich Brecht selten. Aber jetzt strenge ich mich an. Und ich glaube, ich verstehe, was er meint: Wenn weise sein heißt, sich rauszuhalten aus dem Streit der Welt, also sozusagen Scheuklappen-Prinzip, Augen zu und durch, dann kann er das leider nicht. Jo, ich schätze mal, ich hab da ‘ne andere Definition von weise, aber prinzipiell stimme ich ihm zu. Man hätte trotzdem jemand anderes zu Wort kommen lassen können, denke ich mir so, bei der Erklärung der VIELEN, aber nagut. Brecht hat sich ja auch bewährt, also warum nicht, außerdem, ich und mein Schinkenbrötchen, wir können uns gerade ganz gut raushalten, Scheuklappen-Prinzip und so. Ich z.B würde mir ja eher ein Poster von Carolin Emcke in mein Zimmer hängen. Die hat etwas so Tolles geschrieben, das mich nicht mehr loslässt und jetzt klaue ich ihr einfach die Punchline, weil man auch mal wissen muss, wann gut ist, wann es reicht, wann man selber nichts mehr zu sagen hat oder sich besser zurück nimmt und die anderen sprechen lässt (und das ist vielleicht die größte Herausforderung). Also Carolin Emcke schreibt*: „Warum reicht es nicht, einmal zu sagen, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, die Würde des Menschen ist unantastbar, und dann ist sie für nichtweiße, nichtheterosexuelle, nichtchristliche, nichtmännliche Menschen irgendwie bei Bedarf doch antastbar, warum müssen wir über Jahrzehnte erklären, wer alles als Mensch zählt?“

Auch ‘ne Frage, die Bertolt gefallen hätte, denke ich mir so und kratze den letzten Rest Milchschaum aus meinem Glas.

*In: Emcke, Carolin: Wie wir begehren. Fischer Taschenbuch, 2012.

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