#11

Manchmal wächst man im Schlaf, so ganz urnatürlich. Man schläft und dann wacht man auf und plötzlich ist man zwei Meter größer oder zwanzig Jahre älter, so von innen und das spürt man auch, nur man sieht es nicht gleich, von außen, und das ist auch ok so.

Ich stehe vor dem Spiegel und versuche zu erkennen, wo die Linien sind, die Linien der letzten Jahre, oder die kleinen Ecken, die die Zukunft andeuten, das Blitzen in den Augen, das mir verrät, was ich als Nächstes vorhabe. Denn: Ich weiß es nicht. Ich weiß es nie, meine Pläne brechen aus mir heraus mit einer POWER, von der ich wünschte, ich hätte sie auch beim Durchziehen meines Studiums oder bei der Rettung des Hambacher Forsts oder so was. Nun ja. Es nützt ja nichts zu jammern, außer, man hat was zu erledigen und schreibt sich „Jammern“ auf die To-Do-Liste, dann kann man es machen, ein, zwei, drei Monate und wenn man denkt, jetzt reicht’s, hakt man es ab. Das Dumme am Jammern, am Schmerz, am Traurigsein ist, dass man nie weiß, wann es vorbei ist und man deswegen keine Pläne machen kann. JA KLAR DA KANN ICH MIT DIR AUF DEN FLOHMARKT GEHEN WEIL NÄMLICH GENAU DANN HABE ICH DEN VERLUST VON XYZ ÜBERWUNDEN und ACH JA NA KLAR GEHEN WIR DA ZU DEM KONZERT DA WERDE ICH NÄMLICH GANZ LEICHT SEIN WEIL ZWEI TAGE LANG GENUG WAREN; UM ZYX ZU VERDAUEN. So läuft es leider nicht. Wie sehr ich auch versuche den Schmerz zu organisieren, er weigert sich. Der Schmerz ist das letzte anarchische System in meinem Körper, es hält sich nur an seine eigenen Regeln und er spricht nichts ab, nicht mal mit mir, nicht mal mit derjenigen, die ihn aushalten muss. Der Schmerz fragt auch nicht, OB ES JETZT GERADE PASST, er fragt nicht, ob er stört, ob man eigentlich was anderes vor hat, ob man zum Beispiel irgendwas dringendes erledigen muss. All das interessiert den Schmerz nicht. Das einzige, was der will, ist: gesehen werden.