#10 Von Videos, Wut und Pflaumenkuchen

Gestern habe ich ein Video gesehen, an das ich mich extra für diesen Text erinnere. Würde ich nicht hier sitzen und schreiben und denken, es sei wichtig, darüber zu schreiben, hätte ich die Erinnerung daran schon längst in den Papierkorb geworfen. Aber ich sitze nun mal hier und schreibe und weiß, es ist wichtig darüber zu schreiben. Also erinnere ich mich. Das Video wurde in Chemnitz aufgenommen und ein bisschen hoffe ich, dass in einem Monat, wenn dieser Text erscheint, niemand mehr weiß, was das bedeutet. „Was war da nochmal los in Chemnitz?“, würden die Leser und Leserinnen dieses Textes fragen und weiter ihren Pflaumenkuchen backen oder das Gemeinschaftsbeet pflegen oder eine Radtour machen. Schöne Sachen, eben. Schöne Sachen mit Menschen, die einander mögen. Warum setzt sich das eigentlich nicht durch? 

Heute wissen alle, was in Chemnitz los ist, was in weiten Teilen der BRD los ist, was überall auf der Welt immer noch nicht out ist: Hass und Wut von Menschen gegen Menschen.

In dem Video nämlich ist ein Mann zu sehen, der sehr wütend ist. Der regt sich auf und sein Kopf ist ganz rot und seine Halsschlagader drückt so sehr durch die dünne Haut, dass ich ihn am Liebsten in den Arm nehmen möchte und über den Kopf streichen oder zumindest einen Beruhigungstee machen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich wage mal die Prognose: Das fände der nicht so gut. Warum? What happened to Nächstenliebe? Was nochmal ist das Gute an so viel Wut? 

Stellen wir uns kurz mal vor, in einem Monat wüsste niemand mehr, was in Chemnitz passiert ist. Oder: Alle wissen es noch, aber sie haben sich umentschieden. Haben tief durchgeatmet, sodass sich die Halsschlagader entspannen kann, haben sich einen Tee gemacht und ihr Gegenüber angelächelt. Dann kann nämlich was Schönes passieren: Wir könnten in Ruhe, zusammen, mit einem Lächeln im Gesicht überlegen, was wir Schönes aus der Situation machen. Wie wir das gemeinsam lösen können. Denn wir sind eine offene Gesellschaft. Und wir, das sind alle.