#9 Hackbraten mit Brockenblick

Oma besuchen und Hackbraten essen ist eins der Dinge, die ich viel zu selten mache, seitdem ich erwachsen bin. Früher haben wir immer gesagt: Alle Omas wohnen in der Weststadt. Jetzt ist es nur noch meine. In einem Hochhaus ganz oben. Wenn sie sich anstrengt, kann sie vom Balkon aus sogar den Brocken sehen.

Mit der 3 kann ich ja ganz bequem durchfahren!“, sage ich als wir am Tisch sitzen und Oma nickt: „Stimmt, da musst du ja nur bei dir einsteigen und bei uns wieder aussteigen. Das geht ja ohne Probleme!“ Stimmt. Der Hackbraten sieht aus, wie Hackbraten aussieht und er riecht auch so. Oma sagt, sie hoffe, er schmeckt mir und er schmeckt mir. Außerdem gibt es noch Bohnen und Kartoffeln und was es bei Oma eben so gibt: Braune Soße. Ich lange zu und Oma freut sich. Mein Appetit ist zufriedenstellend. „Zum Nachtisch“, sagt Opa, „kannst du ja noch gezuckerte Erdbeeren haben.“ „Oder Wein“, sagt Oma. „Oder beides“, sage ich. Also haben wir beides. Ich habe die Erbdeeren und den Wein und Opa hat die Formel 1. Er sagt, er will den Start gucken und wir hören es schnarchen. Oma hat den Wein und die Zigaretten und wie cool meine Oma ist, denke ich da und wie es blitzt aus ihren Augen, wenn sie mich anguckt. „Die Ursel“, sagt Oma, „Die Ursel erzählt ja immer noch von dir! Die konnte euch ja sehen, vom Balkon. Wie dein Vater dich vom Kindergarten abgeholt hat und du an den Fahrradständern turnen wolltest. Da wolltest du… wupp!“ Und Oma macht eine Handbewegung mit der zigarettenfreien Hand.“ „Eine Drehung machen?“, frage ich. „Genau! Eine Drehung machen!“, sagt Oma zufrieden. „Da kann ich ja aber gar nicht so alt gewesen sein“, sage ich, „Höchstens 3, oder 4.“ „Ja“, sagt Oma und zieht an der Zigarette, „Und schon damals hast du alles anders gemacht.“

Warte mal“, sagt sie dann und holt ein Fotoalbum raus. Oma im Kleid, Opa in Badehose. Wir staunen. Über Opas Schlanksein, die Qualität der Fotos und darüber, wie viel Zeit vergangen ist.„Da sieht Opa ja aus wie Elvis!“, sage ich und Oma grinst. „Aber jetzt schiebt er ’ne ruhige Kugel“, sage ich, als er aus dem Wohnzimmer kommt und sich über den Bauch streicht. „Stimmt!“ Oma lacht. Dabei guckt sie mich so an, als wäre sie stolz, dass mir so was einfällt und ich denke, es muss toll sein, Kinder (und Kindeskinder) zu haben, weil die einen immer überraschen. Dann zündet sie sich noch eine Zigarette an. „All die Jahre“, sagt sie, „All die Jahre.“ Ich notiere: In der Weststadt heulen ist voll ok.