#4 Hadi Tschüss

Heimat ist ja auch nur die Erzählung von einem Ort, den es nicht gibt.

Es ist ja nun mal so: Irgendwann bist du jung und denkst dir dein Leben aus. Und du bist ja nicht dumm, du weißt ja, was Sache ist. Du weißt ja, dass der Mann, der mit euch zusammen lebt, nicht dein richtiger Vater ist, sondern einer mit Stief- davor. Und du weißt auch, dass du einen richtigen Vater hast, der ist nur nicht hier. Und vielleicht erzählst du das manchmal auch ein bisschen stolz, wenn mal wieder jemand fragt, woher du kommst. So als wärst du Pippi Langstrumpf und dein richtiger Vater König auf einer Südseeinsel.

Istanbul ist die einzige Stadt in der Türkei, die ich kenne. Ich bin vielleicht 8 oder 12 Jahre alt und ich erzähle allen, die es wissen wollen, dass meine Großeltern in Istanbul leben. Das habe ich mir ausgedacht oder irgendwo aufgeschnappt, jedenfalls glaube ich daran. Glaube daran, die Eltern meines Vaters würden irgendwo in der türkischen Großstadt wohnen. Irgendwo zwischen Autos und Strand, in einem grauen Hochhaus mit einem kleinen Garten davor und einer Satellitenschüssel an der Wand. Und von dort aus ruft mich meine Oma jeden Geburtstag an: „Ich liebe dich Mädchen, wann kommst du, Mädchen?“ Ich kam nie. Ich war 12, oder 14, oder 16, irgendwann ignorierte ich das Klingeln und die Anrufe hörten auf. Komisch, dachte ich nur immer, woher hat meine Oma eigentlich meine Nummer? Und wenn meine Oma meine Nummer hat, warum ruft dann mein Vater nicht an?

Kyra Mevert hat eine Mutter an der Oker und einen Vater am Bosporus. Im Sommer 2015 ist sie mit ihrer besten Freundin, dem Mann vom Kiosk nebenan und seinem VW-Bus 2335km gefahren, um ihre türkische Familie zu (be)suchen. Dabei ist die Erzählung Hadi Tschüss entstanden, zu der auch dieser Text gehört. Manchmal liest sie daraus vor. Nächstes Jahr bestimmt auch wieder im LOT-Theater.