#1 Heimat

Kyra Mevert schreibt sehr geheime und trotzdem wahre Aufzeichnungen
über alles
und das auch oft mit anderen
und das ab jetzt auch hier.

Heimat
(Henny Beese, Theater Endlich)
Neuerkerode.  Alles von Neuerkerode.
Auch der Wald ist meine Heimat.
Kaiserwald.
Ich bin froh, dass ich hier bin.
Hier ist es schöner als woanders.

Anfang Mai 2017. Theater Endlich Proben. Ich steige am Bohlweg in die 730 ein, Richtung: Evessen, Ausstieg Neuerkerode. “Fahrschein bitte!”, wird mir hinterher gebrüllt. Sein Ernst jetzt?! Entnervt fummele ich mein Ticket aus dem Portemonnaie. Auch, wenn hinten einsteigen mittlerweile einem rebellischen Akt gegen das System ähnelt, interessiert doch auch beim gewünschten vorne einsteigen das Vorzeigen des Fahrscheins kaum noch eine Busfahrerin. Oder einen Busfahrer. Dieser hier aber meint es sehr genau. Nimmt mir meinen Fahrschein aus der Hand, prüft Datum und Uhrzeit. Er nickt. Stimmt alles. Glück gehabt. Ich darf mich setzen. Die 730 und ich werden durch Braunschweigs Südosten geschüttelt, es ist stickig, mir wird ein bisschen schlecht. In die Ferne gucken, sage ich mir und gucke in die Ferne. In Felder und Sonne und blauen Himmel.

Heimat II
(Henny Beese)
Frieden.
Sich unterhalten, spazieren gehen.
Einen schönen Ausflug machen.
Auf den Brocken wandern.
Und Heimat ist auch helfen.

Die Evangelische Stiftung Neuerkerode gibt es seit 1868. Dort leben Menschen mit Beeinträchtigungen, inklusive eigenem Betreuungsstab, eigener Kneipe, eigenem Supermarkt, eigenem Friseur. Die 730 kurvt achterbahngleich über Land und in mir grummelt’s. Wer bin ich, jetzt aus der großen Stadt zu kommen, um mit euch Kunst zu machen, denke ich. Euch. Den anderen. Abgestellt in der Peripherie, fernab vom Zentrum, damit das normale Braunschweig so tun kann, als wärt ihr nicht da.
Draußen ballert die Sonne. Das macht es jetzt auch nicht besser. Auf der Haltestellenanzeige erscheint meine Wunschstation, ich drücke den Stopp-Knopf. Endlich angekommen. Kaum habe ich einen Fuß ins Dorf gesetzt, streckt mir jemand seine Hand entgegen. “Hallo!”, sagt er, “Und wie heißt du?”

Heimat
(Thomas Hoops, Theater Endlich)
Heimat ist Zuhause.
Na hier!
In Neuerkerode!

Ich antworte. Ich sage Hallo und meinen Namen und frage zurück: “WIe heißt du?” Das macht es besser. Seit 2013 arbeite ich mit dem Theater Endlich, der professionellen Theatergruppe aus Neuerkerode, zusammen. Texte machen nennen wir das. Und das geht so: Ich höre zu und schreibe auf und frage etwas. Zum Beispiel: “Was ist Heimat?” oder “Worüber möchtest du gerne etwas erzählen?” oder: “Was kannst du am Besten?” Über die Jahre haben wir zusammen ein Gespür für die Sprache jeder einzelnen Person entwickelt. Wir haben eine Zeitung gestaltet. Einen Blog betrieben. Wir waren im Kino zu sehen. Auf der ganz großen Leinwand. Wir haben aus unserem Gedichtband vorgelesen, sehr lange Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gespielt und diverse Feste gefeiert.

Theater Endlich / Kunst
(Auszüge aus “Theater Endlich” vom gesamten Ensemble des Theater Endlich und “Kunst” von Christoph Stark.)
Theater Endlich, das ist ‘ne Theatergruppe. Die wurde im Jahr 1997 gegründet – Oh, so alt! Von Kathrin Unger und Hedda Rau. Theaterspielen ist auch Arbeit, nicht nur Freizeit. Zum Beispiel, die Proben sind Arbeit. Man muss sich ein eigenes Stück überlegen. Man muss sich überlegen, was für ein Stück. Welche Rollen man übernehmen möchte. Das ist alles Arbeit. Das stimmt. Das ist alles Arbeit. Sau hart. Manchmal sagt man auch “sau hart”, wenn man’s schön findet.

So ist die Arbeit mit dem Theater Endlich. Bin ich mein Unbehagen bezüglich Neuerkerode jetzt los geworden? Ein bisschen. Für alle Mitglieder des Theater Endlich, die in Neuerkerode wohnen, ist das Dorf Zuhause. Und wer bin ich, ihnen dieses Gefühl streitig machen zu wollen?


Ende Mai 2017. Theater Endlich Proben. Ich steige in die 730 ein. Meinen Fahrschein muss ich nicht mehr vorzeigen. Der Busfahrer und ich gucken uns an, das reicht. Neidisch? Versteh ich. Aber es geht ganz einfach: In die 730 einsteigen. Fahrschein vorzeigen nicht vergessen! In Neuerkerode aussteigen, auf einer Bank im Grünen sitzen. Eine Currywurst im Dorfgemeinschaftshaus essen. Die Villa Luise besuchen, in der Neuerkerode Künstler_innen arbeiten. Mal spazieren gehen, im Kaiserwald. Sich mit Leuten unterhalten. Denn eins passiert auf jeden Fall: “Hallo! Und wie heißt du?”

Neuerkerode
(H.-J. Baumgart, Schauspieler der NaGrus*)
Nichts.
Alles.
Die Bäume.

 

*Die NaGrus sind eine inklusive Theatergruppe, die sich jeden Donnerstagnachmittag in Neuerkerode trifft.

 

Dieser Text erschien erstmals im LOT-Spielplan für den August 2017.